Tagung 2008

Ehemaligen-Tagung 2008

Ehemaligen-Tagung am 6. Juni 2008 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt

Berichte aus den Arbeitsgruppen

Ressourcenorientierung der sozialen Arbeit versus Defizitorientierung in der Medizin (Dr. Inge Brachet)
Vor- und gegenüber gestellt wurden das DSM-IV-TR (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen-IV-Textrevision, American Psychiatric Association 2003) und die Pro Ziel Basisdiagnostik (Prozessbegleitendes Zielorientiertes Konzept / M. Heiner 2004) als Diagnoseinstrument, das für die Soziale Arbeit entwickelt wurde.
Das DSM-IV-TR findet Anwendung insb. in der klinischen Diagnostik, berücksichtigt aber auch soziale Beeinträchtigungen durch eine Störung. ProZiel basiert dagegen auf handlungstheoretischen Prämissen und erhebt Norm-, Kompetenz-, Motivations- und Ressourcendiskrepanzen, wobei die Sicht der Fachkraft, wie die des Betroffenen selbst berücksichtigt und über mehrere Zeitpunkte hinweg dokumentiert werden.


Ziel der Veranstaltung war, die Verfahren vorzustellen und deutlich zu machen, dass mit angemessenem Fingerspitzengefühl durchgeführte auch klinische Diagnostik für Fachkraft und Betroffenen hilfreich und auch in Hinblick auf vorhandene Ressourcen durchgeführt, interpretiert und ausgewertet werden kann. Als Ergänzung zu (inzwischen wieder gesellschaftsfähigen) neu entwickelten Diagnoseverfahren aus der Sozialen Arbeit können diese Verfahren durchaus hilfreich sein.
In der Arbeitsgruppe wurden beide Verfahren vorgestellt und von den Teilnehmern mit Interesse aufgenommen. Eine Diskussion kam nicht in Gang, da die Teilnehmer beide Verfahren nicht kannten.


Ganztagsbetreuung im Elementarbereich (Dr. Gerspach, Dr. Naumann)
Im Vortrag von Manfred Gerspach und Thilo Naumann wurde zunächst ein Begriff kindlicher Bildung diskutiert, der sich von den aktuellen Tendenzen hin zu Verschulung und Traningsprogrammen in der Elementarpädagogik distanziert.
Kindliche Bildung ist demnach Selbstbildung in Verständigung. Während Verständigung die emotionale, szenische und symbolische Einigung über die Bedeutung geteilter Erfahrung meint, kann Selbstbildung als Verarbeitung, Bewertung und Verinnerlichung der Interaktionserfahrungen verstanden werden. Wenn das Kind genügend gute Interaktionserfahrungen verinnerlichen konnte, vermag es die Welt angstfrei und neugierig zu erforschen.
Daraufhin wurden im Vortrag die notwendigen Voraussetzungen solcher Selbstbildungsprozesse in der Kindertageseinrichtung skizziert: Pädagogisches Setting (verlässliche, empathische und dialogische Bezugspersonen, Partizipation, Lebensweltorientierung), pädagogische Haltung (Containing und Holding zur Affektregulierung, Selbstreflexion, szenisches Verstehen), Elternarbeit (Partizipation, Lebensweltorientierung, Beratung ohne Beschämung) und institutionelle Fakto-ren (Konzeptentwicklung, Supervision, Fortbildung, Partizipation, Optimalstrukturierung).


In der folgenden Diskussion fanden die im Vortrag dargelegten Positionen große Zustimmung, allerdings wurde darauf hingewiesen, dass in vielen Kindertageseinrichtungen die Voraussetzungen für eine solche Begleitung von Selbstbildungsprozessen nicht gegeben sind. Zum Abschluss der Arbeitsgruppe wurde betont, dass aber gerade heute, angesichts einer breiten öffentlichen Debatte zur Elementarpädagogik, fachlich fundiertes Engagement zur Verbesserung der Qualifikation des pädagogischen Personals und der Ausstattung der Kindertagesein-richtungen erfolgreich sein kann.

Häusliche Gewalt (Dr. Bösel)
Bisher wurde mit dem Thema ‚Gewalt in der Familie’ nahezu immer Gewalt von Männern ge-genüber Frauen verbunden. In den letzten Monaten drang das Phänomen ‚Gewalt gegenüber Kindern’ immer stärker in den Vordergrund. Im Verlauf der Arbeitsgruppe wurden die Erscheinungsweisen der häuslichen Gewalt aufgezeigt. Zugleich wurden  die gesellschaftlichen Ursachen dieser Gewaltphänomene in der Familie reflektiert.

Web 2.0 – Herausforderung für die Soziale Arbeit (Dr. Röll)
Im Verlauf des Vortrags stellte Herr Röll die durch das Web 2.0 veränderte Kommunikation und Selbstdarstellungsmöglichkeit im Internet vor. Für Kinder aber vor allem Jugendliche und junge Erwachsene stellt das Web 2.0 eine Plattform dar, mit bisher unbekannten Möglichkeiten mit anderen in Kontakt zu treten bzw. sich zu präsentieren. Maßgebliche Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von großen Medienunternehmen verbreitet, sondern über eine Vielzahl von Individuen, die sich mit Hilfe „sozialer Software“ zusätzlich untereinander vernetzen. Beispiele für Web 2.0 sind Wikis, Weblogs, Social-Bookmarking-Portale wie del.icio.us, Foto- und Videoportale (z.B. Flickr und YouTube) sowie soziale Online-Netzwerke wie Xing, MySpace, und studiVZ.


Herr Röll machte darauf aufmerksam, dass durch das Web 2.0 nicht nur neue Vernetzungs- und Entfaltungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, sondern auch Risiken zu beachten sind. Als allgemeine Gefahren im Internet gelten das Darbieten von Pornografie, Gewalt und neofaschistisches Gedankengut. Ebenso kann durch exzessive Aktivitäten im Internet Sucht ausgelöst werden.
Neben negativen Nutzungserscheinungen, darf aber nicht vergessen werden, welch großer positiver Nutzen das Web 2.0 darstellt. Hier sind beispielhaft das selbstgesteuerte Erschließen von Wissen zu nennen. Das Web 2.0 bietet Kindern/Jugendlichen/ jungen Erwachsen u.a. ein großes Lernpotential für die Entwicklung von Kreativität, Vernetzungsdenken und Selbstentfaltung.

Von der Praxis für die Praxis

Existenzgründung und Aufbau von sozialen Diensten (Heidi Schwab)
 
Es gibt zahlreiche Gründe, sich im sozialen Bereich selbständig zu machen und eine Existenz zu gründen: Unabhängig zu sein, endlich das tun zu können, was man selbst für richtig und wichtig erachtet. Ein weiterer Grund ist vielleicht, mehr Geld zu verdienen, eigenständig und eigenverantwortlich zu arbeiten. Doch der Weg in die Selbständigkeit  - das wurde in der AG deutlich – ist kein „Sonntagsspaziergang“, sondern eher eine anstrengende Bergwanderung, bei der es auf die richtige Ausstattung ankommt.


Jobcenter als Arbeitsplatz für Sozialpädagogen (Karl-Heinz Lauber)

In der Veranstaltung ging es um das Aufzeigen von verschiedenen Aspekten der Arbeit als Sozialpädagoge im Jobcenter im Bereich Arbeitsvermittlung und Fallmanagement. Grundlegend wurde eine Definition von Hartz IV und deren Zugangsbestimmung gegeben. Zudem wurden die verschiedenen möglichen Trägerformen vorgestellt (ARGE, getrennte Trägerschaft, Optionskommune). In der Hauptsache ging es bei der Veranstaltung zum einen darum, das Spektrum der Hartz IV Empfänger aufzuzeigen. Das es sich nicht, wie landläufig vorgestellt, um ehemalige Sozialhilfeempfänger handelt, sondern vielmehr um Familien, wo z.B. ein Partner Vollzeit arbeitet, aber mit diesem Verdienst seine Familie nicht ohne staatliche Hilfe ernähren kann oder um alleinerziehende Frauen, ebenso um Personen, die länger als 1 Jahr arbeitslos sind.
Zum anderen ging es um das Aufzeigen des konkreten Arbeitsalltags sowie um das Spektrum der Arbeitsanforderungen, die mit der Kerntätigkeit verbunden sind. So muss der Arbeitsvermittler neben einer hohen Kommunikationsfähigkeit und hohem Einfühlungsvermögen auch noch durchsetzungsfähig sein. Ebenso muss er in der Lage sein gut organisieren zu können sowie selbständig und in einem Team arbeiten zu können. Nicht zu kurz kamen auch die vielfältigen Integrationshemmnisse der Hartz IV-Empfänger. Insgesamt war es eine runde Veranstaltung die einen tiefen Einblick in der Arbeit des Arbeitsvermittlers/Fallmanagers im Jobcenter gewährte.


„Soziale Brennpunkte“ (Imke Jung-Kroh)

Zunächst wurde in der AG „Soziale Brennpunkte“ das Arbeitsfeld der Sozialpädagogischen Begleitung im Rahmen eines Beschäftigungsprojektes für Langzeitarbeitslose in einem „So-zialen Brennpunkt“ vorgestellt. Im Anschluss daran führte die AG einen Diskurs über aktuelle sozialpolitische Problemstellungen und Entwicklungen.


Betriebliche Sozialpädagogik (Ansgar Schuler)

Im Mittelpunkt der Erörterungen dieser AG standen folgende Themenschwerpunkte:

•    Bedeutung psychosozialer Beratung in Wirtschaftsunternehmen;
•    Wirtschaftlichkeit bzw. Verhältnis zwischen erreichtem Ergebnis und dafür eingesetzten Mittel;
•    Selbstverständnis und Grundsätze der Sozialberatung;
•    Aufgaben- und Angebotspalette;
•    Themen und Indikationen;
•    Interne und externe Schnittstellen und Kooperationen.


Marco Bresciani (Freiwilligenagentur Darmstadt / Darmstadt-Dieburg), Prof. Dr. Gisela Jakob (Hochschule Darmstadt)
Soziales Lernen im Studium – ein Lehrprojekt in Planung

 
Im Rahmen der Veranstaltung wurde bei sozialen Einrichtungen für ein Vorhaben geworben, die ‚Türen zu öffnen’ für eine Integration einzelner Studierender in die Einrichtungen. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Kooperation zwischen dem FB Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit und der Freiwilligenagentur Darmstadt / Darmstadt-Dieburg.
Die Idee des Konzepts ist, dass Soziales Lernen nicht auf sozialpädagogische Studiengänge beschränkt bleiben soll. Vermittelt werden sollen Basisqualifikationen für Studierende von natur- und technikwissenschaftlichen Studiengängen, das dies eine wichtige Schlüsselkompetenz darstellt, die mit in die Ausbildung gehört. Im Rahmen ihres Begleitstudiums an der Hochschule Darmstadt soll den Studierenden die Möglichkeit geboten, eingebunden in das Studium, in einer sozialen Einrichtung tätig zu werden.
In einer eigenen Lehrveranstaltung werden die Studierenden auf das Engagement vorbereitet und begleitet. Für die Studierenden geht es um Erfahrungen projektbezogenen Arbeitens gemeinsam mit anderen, um soziales Lernen, um die Auseinandersetzung mit fremden Lebenswelten, um eine Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme etc. Für die sozialen Einrichtungen bringt die Integration von Studierenden eine Bereicherung: Die Studierenden machen kleine Projekte, die – wenn da Projekt gelingt – vielleicht sogar für ein längerfristiges Engagement gewonnen werden.

Workshop

Pantomime (Dr. Nickel)
Plong - auf einmal ist sie da, die unsichtbare, aber so undurchdringliche Wand. Meine Hand tastet daran entlang - vorsichtig, bedächtig. Da ist eine Kante...
Ein kurzer, überraschter Moment - meine Hand spürt das unsichtbare Ende. Und nun? Mit etwas Kraft zieht meine Hand an der Wand und tatsächlich - sie bewegt sich...
Im Workshop Pantomime - durchgeführt von Dr. Nickel, näherten sich zwei Alumni mithilfe von Mimik, Gestik, Körperbeherrschung und Imagination der Kunst der Pantomime. Nach einem kurzen filmischen Input einzelner Spielszenen des großen Marcel Marceau standen einfache Übungen zur Wahrnehmung im Raum und der Wirkung des eigenen Körpers an. In kurzen, improvisierten Spielsequenzen traten die Teilnehmerin und die Teilnehmer in Kontakt miteinander, woraus sich nonverbale Dialoge und Szenen entwickelten. Nach einer abschließenden Gesprächsrunde, die zum Erfahrungsaustausch genutzt wurde, klang der rundum gelungene Workshop mit zwei zufriedenen Alumni aus.



Ehemaligentagung am 06.06.2008, Beginn ab 13:30 Uhr